Anarchie und Elite

Der ehemalige Studiengang Kulturpädagogik

Es war einmal ein kleiner, feiner, idealistischer Studiengang mit Namen Kulturpädagogik. Dieser Studiengang war wissenschaftlich-künstlerisch ausgerichtet und in seiner Art einzigartig an der 1978 aus einer Pädagogischen Hochschule hervorgegangenen Universität Hildesheim und auch sonst auf der Welt. 1979 geboren, verfolgte er den besonderen Ansatz, sich mit Kultur in gleichen Teilen wissenschaftlich wie künstlerisch zu beschäftigen. Als Fremdwort nannte man das Interdisziplinarität.

Was den Studiengang Kulturpädagogik ebenfalls auszeichnete, war die Tatsache, daß man schwerlich zwei Kulturpädagogen fand, die auch tatsächlich das Gleiche studierten. Denn sowohl Studieninhalte als auch Fächerkombinationen waren ausgesprochen individuell.

Man konnte das Hauptfach Bildende Kunst mit dem Nebenfach Musik oder das Hauptfach Musik mit dem Nebenfach Literatur/Theater/Medien oder das Hauptfach Literatur/Theater/Medien mit dem Nebenfach Bildende Kunst oder das Hauptfach Bildende Kunst mit dem Nebenfach Literatur/Theater/Medien oder das Hauptfach Literatur/Theater/Medien mit dem Nebenfach Musik kombinieren. Jeder dieser möglichen Kombinationen wurde ein wissenschaftliches Begleitfach aus der Angebotspalette Psychologie, Pädagogik, Philosophie, Soziologie, politische Wissenschaften und, in früheren Zeiten, als es an der Universität Hildesheim noch den Studiengang Informatik gab, Informatik, in späteren Zeiten Betriebswirtschaftslehre, Informationstechnologie und Sozialpädagogik beigefügt. Seit dem Wintersemester 1995/96 war für alle der Studienbereich Kulturpolitik/Kulturmanagement obligatorisch, der die heranwachsende Studierendenschaft mit den richtigen Mitteln im Kampf um Gelder und Nischen versehen sollte.

Ziel der ganzen Interdisziplinarität war es, den Studenten künstlerische Kompetenz zu vermitteln, damit sie später in kulturvermittelnden Berufen tätig werden könnten. Dabei sollte die Verbindung von Theorie und Praxis greif- und erfahrbar machen, was bei einer ausschließlich wissenschaftlichen Beschäftigung mit künstlerischen Gegenständen möglicherweise Buchwissen bliebe. (So nachzulesen in der 1996 erschienenen und seitdem in ihren Einleitungskapiteln nur unwesentlich aktualisierten Broschüre Diplomstudiengang Kulturpädagogik.)

Man werkelte, las und schrieb, und alle zwei Jahre wurde das 1992 eingeführte Projektsemester zelebriert, was im Optimalfall bedeutete, in einem jeweils einmonatigen Projekt drei Tage die Woche bei auch theoretischer Beschäftigung praktisch durchzuarbeiten. Gemeinschaftliches Essen, Wein trinken und Gespräche bis in die Nacht inklusive.

Man war anders. Man war besonders. Man wurde die gesamte Studienzeit über immer wieder von allen Seiten in Frage gestellt. Aber Kulturpädagogen waren Menschen, die etwas auf die Beine stellten, die allen Lebenslagen trotzten (im Gegensatz zu den ewig achtzehnjährig wirkenden, kichernden Lehramtsstudentinnen).

Damals wie heute waren die beruflichen Aussichten nicht die besten. Doch während damals Menschen mit einem einzigartigen Profil auf eine Welt losgelassen wurden, die sie zu gestalten gelernt hatten, wurde im Studiengang in den letzten Jahren immer stärker versucht, sich der sogenannten Wirklichkeit des freien Marktes anzupassen.

Am 7.4. 2000 wurde die Kulturpädagogik in Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis umbenannt. Aus KultPäds wurden KuWis. Die Absolventen sollten so von dem Makel befreit werden, welcher ihnen durch die Assoziation zur Mal- und Bastelpädagogik anhing. Ein Großteil der Absolventen, so hieß es, spezialisiere sich ja auch gar nicht in pädagogischer Richtung, weshalb die alte Bezeichnung hinfällig und irreführend sei. Die neue zukunftsträchtige und erfolgverheißende Ausrichtung hieß Kulturmanagement. Und endlich konnte man sich damit brüsten, Wissenschaftler heranzuzüchten.

In seinem Bestreben, sich stärker und eindeutiger zu profilieren, war der ehemals so vielschichtige Studiengang bald nur noch schwer von verwandten Studiengängen wie z.B. den Kulturwissenschaften in Lüneburg zu unterscheiden. Ein Hoch auf die Vergleichbarkeit. Die After-Uni-Welt, die nie so recht wußte, was wohl ein Kulturpädagoge sein mag, weiß nun endlich, womit sie es zu tun hat. Aber sie weiß nicht mehr, warum sie ausgerechnet einen Hildesheimer nehmen sollte.

Die hochgelobt und -gehaltene künstlerische Praxis war weiterhin Studienbestandteil, jedoch galt sie nicht länger als Sinnbild künstlerischer und persönlicher Freiheit. Während auf der einen Seite viel Geld in den Auf- und Ausbau von Gebäuden und Ausrüstung innovativer und zukunftsträchtiger Teilbereiche des Studienganges flossen, begann in der Bildenden Kunst der langsame Tod der Ausblutung. Zur Nutzung von Atelierplätzen durch Studierende außerhalb des Seminarbetriebes bestand weiterhin die Möglichkeit, doch war deutlich spürbar, daß solch privatvergnügliches Engagement nicht länger gewollt und gewünscht war – als Aktiver war man nicht länger Künstler sondern pflegte ein unnötiges Hobby.

Die der Bildenden Kunst zugedachte Rolle war die der Zulieferin für Bühnenbild und Werbemaßnahmen.
Wer interessiert sich denn für freie Kunst?
Wer interessiert sich für den netten Zeitvertreib zukünftig Arbeitsloser?
Wer will denn denkende, gestaltende, selbständige Menschen?

PS:
Ich kann nicht beurteilen, ob sich Klima und Profil im Studiengang wirklich so weiterentwickelt haben, wie es sich 2002 abzeichnete. Die damalige Vermutung war, daß die Änderung des Namens, die neue Schwerpunktsetzung und die Überführung in eine Stiftungsuniversität automatisch einen anderen Schlag von Studenten anziehen würde.
Ich bin mir nicht sicher, ob es das besser macht.

PPS:
Wer sich wundern mag, warum so unterschiedliche Bereich wie Literatur, Theater und Medien in einem Fach zusammengelegt waren, dem sei zu seiner Beruhigung mitgeteilt: Ende der 90er Jahre wurden die eigenständigen Studiengänge Kreatives Schreiben und Szenische Künste ins Leben gerufen.

geschrieben Mai 2005

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